Teil 5: Technische
Kreativität
und Ehrung tierischer Helden
Der WTV in den schwierigen 1930er-Jahren
Wie der WTV Schwalben nach Venedig
flog...
Ende September, Anfang Oktober des Jahres
1931 waren die Tage kalt und regnerisch, fast
schon winterlich. Zu Zehntausenden gingen Schwalben
durchnässt und erschöpft über
Wien und Umgebung nieder. Viele der Vögel
waren zu schwach für den Abflug in wärmere
südliche Gefilde. Über Presse und
Rundfunk organisierte der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
(WTV) sofort eine Hilfsaktion. Der Aufruf blieb
nicht ungehört: Jung und Alt, Arm und
Reich - der Großteil der Wiener Bevölkerung
machte mit beim Einsammeln der Schwalben.
Im Tierschutzhaus in der Friedrich-Kaiser-Gasse
wurden die Vögel untergebracht. Ein leerstehender
großer Raum war mit Drähten bespannt,
die den Schwalben Sitzmöglichkeiten boten.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang
die Fütterung recht gut. Auf einem Tisch
in der Zimmermitte wurden Mehlwürmer gestreut,
die hurtig in den hungrigen Kehlen der Schwalben
verschwanden. Natürlich konnte die Versorgung
der Schwalben im Wiener Tierschutzhaus nur
von provisorischer Natur sein. Es wurde emsig
an einem Plan gearbeitet, um die Singvögel
südlich der Alpen zu bringen. Die Bemühungen
des WIENER TIERSCHUTZVEREINS waren von Erfolg
gekennzeichnet. Aufgrund der Mithilfe der Österreichischen
wie auch der Italienischen Flugverkehrs AG
startete fast täglich ein Flugzeug mit
Schwalben an Bord in Richtung Venedig. In der
Lagunenstadt wurden die Tiere sofort abgefertigt
und am Lido in die Freiheit entlassen. Insgesamt
49.000 Schwalben konnten so nach Italien geflogen
werden. Die Österreichischen Bundesbahnen
stellten zudem einen D-Zug mit geheiztem Waggon
zur Verfügung, der weitere 50.000 Schwalben über
die verschneiten Berge nach Venedig verfrachtete.
Vom 24. September bis zum 5. Oktober 1931 brachte
der WIENER TIERSCHUTZVEREIN somit fast hunderttausend
Schwalben in den rettenden Süden. Diese
Hilfsaktion war zum damaligen Zeitpunkt einmalig
und erregte großes internationales Aufsehen.
Für den WIENER TIERSCHUTZVEREIN ist die
Schwalbenhilfe von 1931 bis heute eine der
schönsten tierschützerischen Erinnerungen
geblieben.
Vorspanntraktoren und stoßsichere Tierrettungsautos
1879 hatte der WIENER TIERSCHUTZVEREIN am
unteren Getreidemarkt zur Hilfe für Pferdefuhrwerke
ein Vorspannpferd aus Fleisch und Blut zur
Verfügung gestellt. Ab November 1931 stand
ein Metallross - sprich Traktor - zur Verfügung,
um Pferden auf Schnee oder Glatteis das Ziehen
schwerer Lasten zu erleichtern.
Am 3. Juli 1933 wartete der WTV in der Öffentlichkeit
mit einer besonderen technischen Feinheit auf:
der vereinseigene Tierrettungswagen war mit
einem stoßsicheren Tragbett ausgestattet
worden. Mit dieser extra in Auftrag gegebenen
Konstruktion sollte der Transport verletzter
oder kranker Tiere auf schonendste Weise vor
sich gehen. Das Tragbett bestand aus Metallröhren
mit zusammenschiebbaren Handgriffen sowie einem
beweglichen Seitenteil, um das Gestell an die
Größe des Hundes anzupassen. Um
das Herausspringen furchtsamer Hunde zu verhindern,
stand ein stabiles Spagatnetz bereit, das - ähnlich
der Vorrichtungen bei Gitterbetten - über
die Bahre gezogen werden konnte. Das Tragbett
ruhte auf vier Stahlfedern und verfügte über
vier Gummiräder, die das Hineinrollen
auf Schienen in das Rettungsauto möglich
machten. Es war dies die einzige derartige
Konstruktion in ganz Österreich - erneut
eine Pionierleistung des WIENER TIERSCHUTZVEREINS!
Vorsprache beim Völkerbund in Genf
Der Völkerbund - mit Sitz in Genf, in
der neutralen Schweiz - war die Vorläuferorganisation
der heutigen UNO. Am 21. April 1932 schloss
sich der WIENER TIERSCHUTZVEREIN einer europäischen
Tierschutzdelegation unter der Leitung von
Lady Hamilton (wir berichteten über diese
Dame in der vorigen Ausgabe des "Tierfreund")
an, die vom Präsidenten der Abrüstungskommission,
Mr Henderson, empfangen wurde. Die Delegierten
brachten den Wunsch vor, der Völkerbund
möge eine internationale Tierschutzregelung
beschließen. Mister Henderson sagte zu,
einen ausführlichen Bericht über
dieses Anliegen beim Generalsekretär des
Völkerbunds, Sir Eric Drummond, abzugeben
bzw. seinen persönlichen Einfluss geltend
zu machen, damit der Völkerbund sich der
Tierschutzmaterie auch tatsächlich annehme.
Stellungnahme zur "Notverordnung gegen Tierquälerei"
Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN bewegte sich aber
nicht nur auf dem großen internationalen
Parkett, sondern war vor allem tatkräftig
beim Angehen heimischer Tierschutzprobleme
beteiligt. Am 2. September hatte das Bundeskanzleramt
(Generaldirektion für die öffentliche
Sicherheit) dem WTV den Entwurf zu einer Verordnung
der Bundesregierung gegen Tierquälerei
(Zahl 204.170 GD 2) zur Begutachtung zugeschickt.
Unter Federführung des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
kam es daraufhin am 16. November 1933 seitens
des Verbands österreichischer Tierschutzvereine
und der Gesellschaft vivisektionsgegnerischer Ärzte
zu einer gemeinsamen Stellungnahme. Folgende
Ergänzungs- bzw. Abänderungsanträge
wurden formuliert:
a) nicht nur die absichtliche, sondern auch
die fahrlässige Quälerei oder Vernachlässigung
eines Tieres muss strafbar erklärt werden
b) Tatbestände wie mutwillige Tötung,
Gefangennahme eines freilebenden Tieres sowie
naturwidrige Verwendung von Tieren in Zirkussen
und dgl. müssen in die Notverordnung aufgenommen
werden (Dazu eine Anmerkung: Das Wildtierverbot
in Zirkussen konnte in Österreich erst
mit dem Bundestierschutzgesetz vom 1.1.2005, § 27.1,
durchgesetzt werden und ist innerhalb der EU
ein Streitthema)
c) die Strafobergrenze von 500 Schilling bzw.
einem Monat Arrest soll auf 2.000 Schilling
bzw. sechs Monate Arrest erhöht werden,
damit das Delikt der Tierquälerei in den
Augen der Bevölkerung nicht länger
als Bagatelle gilt
d) Bestimmungen über Möglichkeiten,
ein gefährdetes Tier weiteren Angriffen
zu entziehen (Abnahme und Unterbringung auf
geeigneten Plätzen) müssen aufgenommen
werden
e) Tierschutzorgane zu ernennen, die zum direkten
Einschreiten bei wahrgenommenen Tierquälereien
ermächtigt sind (Ein vergleichbares Instrumentarium
wurde ebenfalls erst ab dem 1.1.2005 mit den
Einsetzungen der so genannten Tierschutzombudsstellen
geschaffen. Neun Tierschutzombudspersonen gibt
es in Österreich, pro Bundesland eine.
Für Wien siehe: www.tieranwalt.at )
Die Stellungnahme schloss mit dem Ersuchen
an die Bundesregierung, die vorgebrachten Ergänzungsvorschläge
nicht nur vom Standpunkt des Tierschutzes zu
sehen, sondern im Interesse des ganzen Staates.
Kammersänger Leo Slezak wirbt für
den WTV
Mitte der 1930er-Jahre herrschten in Wien
politische Hochspannung und wirtschaftliche
Krise. Um in diesem schwierigem Umfeld die
Tierschutzidee nicht untergehen zu lassen,
errichtete der WIENER TIERSCHUTZVEREIN im Zentrum
von Wien, in der Bognergasse 2, eine eigene
Propagandazentrale, heute würde man wohl
Werbe- und Informationsbüro dazu sagen.
Im Juni 1934 fanden sich dort zwei berühmte
und gleichsam beliebte KünstlerInnen ein,
um durch Autogrammstunden die Arbeit des WTV
zu unterstützen. Es waren dies die Soubrette
Lizzy Holzschuh sowie der Kammersänger
Leo Slezak.
Am 18. April 1934 hatte im Mitteltrakt der
Neuen Hofburg bereits eine Ausstellung mit
54 Zeichnungen des bekannten Tiermalers Alfred
Hawel begonnen. "Tiere werben für sich" lautete
der Titel dieser Exposition, zu deren Eröffnung
u.a. auch Vizekanzler Emil Fey gekommen war.
Feys einleitende Worte: "Jeder wirklich gute
Mensch muss auch Liebe und ein Herz für
Tiere haben, (...), und muss sie verteidigen,
da sie sich nicht selbst verteidigen können."
"Welttierschutztag" im Radio und an Schulen
Am 4. Oktober 1933 war es dem WIENER TIERSCHUTZVEREIN
mit einem einzigen Schachzug gelungen, die
Zuhörerschaft bei der Feier des Welttierschutztages
von 200 auf Hunderttausende Personen im In-
und Ausland zu erhöhen. Wie? Sehr einfach:
Man nützte das Sendestudio von Radio Wien.
Ein Jahr später erließ das Bundesministerium
für Unterricht - auf Ansuchen des WTV - ein
Rundschreiben an alle Landesschulräte,
den Wiener Bürgermeister sowie die Burgenländische
Landeshauptmannschaft, in dem ersucht wird,
auf den Welttierschutztag aufmerksam zu machen.
Gummihufbeschläge und Hundefahrkarten
Im Beisein von Vertretern der Ministerien
und der Stadtverwaltung ließ der WIENER
TIERSCHUTZVEREIN am 3. Juli 1934 erneut mit
Kreativität aufwarten. Im Türkenschanzpark
bzw. auf der Hasenauerstraße wurden ein
von ihm in Auftrag gegebener Pferdewagen mit
Luftreifen sowie Hufeisen aus Gummi präsentiert.
Die Gummibehufung und die luftbereiften Räder
stellten nach einhelliger Meinung der anwesenden
Experten eine gewaltige Erleichterung für
die Pferde dar. Die Fuhrwerke konnten nahezu
geräuschlos fahren und auf Steilstrecken
auf die Sekunde genau zum Stehen gebracht werden.
Im Januar 1935 teilte die Direktion der Wiener
Städtischen Straßenbahnen im Einvernehmen
mit der Direktion der Österreichischen
Bundesbahnen mit, dass dem Wunsch des WIENER
TIERSCHUTZVEREINS nach Einführung kombinierter
Fahrscheine für Mensch und Hund vollinhaltlich
Rechnung getragen worden war. Damit wurde den
WienerInnen die Mitnahme ihrer vierbeinigen
Lieblinge in die Ausflugsgebiete rund um die
Stadt sehr erleichtert.
Ehrung für tierische Helden
Im Zuge der 83. Vereinsgeneralversammlung
verlieh WTV-Präsident Dr. Josef Kupka
am 21. Januar 1935 dem Mischlingshund "Schnauzi" die
Rettungsmedaille am Ehrenhalsband. Der kleine
Rüde hatte durch sein Bellen in Kritzendorf
fünf Personen vor dem Gastod bewahrt.
Am 10. März 1936 gelangte der Polizeihund "Dangus" aufgrund
seiner zahlreichen mutigen Einsätze ebenfalls
zu einer Auszeichnung.
Am 5. Oktober 1935 wurde im Park des Khleslplatzes
in Wien XII ein "Denkmal für die Opfer
des Weltkrieges aus dem Tierreich" feierlich
enthüllt. Staatssekretär General
Wilhelm Zehner würdigte all jene tierischen
Geschöpfe, die im I. Weltkrieg ihr Leben
für den Menschen eingesetzt oder geopfert
hatten: "Das treue Pferd, das den Soldaten
in den Kampf trug, ihm trotz der Schrecknisse
des feindlichen Feuers, trotz Ungunst der Witterung,
trotz ungenügender Wartung und Pflege,
Waffen, Verpflegung und Munition zuführte
(...) ...und wenn der Kämpfer nicht mehr
weiter konnte, weil ihn der Gegner mit einem
Feuerwall umringte, da lief der Meldehund mit
dem Tod um die Wette und überbrachte die
Nachricht, an der oft Hunderte von Menschenleben
hingen. Wie viele Menschen, die einsam und
verlassen mit schweren Wunden auf dem Schlachtfeld
lagen, haben es dem Sanitätshund zu danken,
dass sie aufgefunden und gerettet werden konnten?
Und wenn alle technischen Verbindungsmittel
zerstört waren und die Weiterleitung wichtiger
Meldungen schier unmöglich schien: Die
Brieftaube brachte es zuwege, die unbeirrt
dem Ort zuflog, wo das Einlangen der Meldung
erwartet wurde.So treu, wie die Helfer aus
dem tierreich zum Menschen in friedlichen Zeiten
stehen, so treu bewährten sie sich auch
in der schweren Zeit des Krieges im Felde."
Im Zeichen des "Blauen Sterns"
Beim "XVIII Internationalen Tierschutzkongreß" in
Brüssel (7.-11. August 1935) wurde auf
Antrag von Hofrat Dr. Melkus, der den WIENER
TIERSCHUTZVEREIN seit 1924 auf allen wichtigen
Kongressen vertreten hatte, der "fünfzackige
blaue Stern" zum internationalen Abzeichen
der Tierschutzbewegung erklärt. Im Oktober
desselben Jahres kam es nach Initiative des
WTV zur Gründung der "Gesellschaft vom
Blauen Stern", die eine versicherungstechnische
Sterbevorsorge für TierfreundInnen anbot.
Sitz der Gesellschaft war das Büro des
WIENER TIERSCHUTZVEREINS in der Bellariastraße
6 im 1. Bezirk.
1935 hatte der WIENER TIERSCHUTVEREIN erneut
ein neues Tierschutzhaus bezogen: und zwar
beim bereits oben erwähnten Khleslplatz.
Mehr darüber in der Juni-Ausgabe des "Tierfreund".
Fortsetzung folgt