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Wiener Tierschutzverein

Triesterstraße 8 (368)
2331 Vösendorf (Stadtgrenze Wien)

Telefon: 01 / 699 24 50 - 0
Fax: 01 / 699 24 50 - 98
Tierrettung: 01 / 699 24 80

Email: office@wr-tierschutzverein.org

Teil 4: Modernisiert, motorisiert und modisch ohne Pelz : Der WTV in den wilden 1920er-Jahren

Nach dem Ende des I. Weltkriegs - inmitten einer schwierigen und politisch instabilen Zeit - setzte der WIENER TIERSCHUTZVEREIN erneut ein beherztes Lebenszeichen. Gegen die Anordnung der Stadtvorstehung Klosterneuburg, alle Hunde in Klosterneuburg drei Monate lang an die Kette zu legen, wurde bei der Niederösterreichischen Landesregierung scharfer Protest eingelegt. Mit Erfolg! Die tierfeindliche Maßnahme musste aufgehoben werden.

I. Republik: Neues Gesetz gegen Tierquälerei

Das Kaiserhaus hatte abgedankt. Österreich war von der Monarchie zur Republik geworden. Dementsprechend mussten auch Tierschutzgesetze neu ausgehandelt werden. Am 21. Juli 1925 kam es zum Erlass des Bundesgesetzes Nr. 273/1925. Artikel VIII dieses Gesetzes enthielt die Begriffsbestimmung des strafbaren Delikts der Tierquälerei, wodurch das Tier praktisch zum Rechtssubjekt aufstieg.

Hiezu erläuterte das Bundeskanzleramt mit Schreiben vom 1. Juli 1926, Zl. 135, 130-2, auf Ersuchen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS: "Bezüglich der Tierquälerei kommen gegenwärtig fünf verschiedene Tatbestände in Betracht: 1) das Quälen aus Bosheit, 2) die rohe Mißhandlung, 3) die rücksichtslose Überanstrengung, 4) die öffentliche Mißhandlung auf eine Ärgernis erregende Weise, 5) die Nichtbefolgung spezieller zum Schutz von Tieren erlassener Verbote." Während die Tatbestände 4) und 5) noch auf dem Reichsgesetzblatt Nr. 31 vom 15. Februar 1855 beruhten, basierten 1) und 3) bereits auf dem neuen Gesetz. Ein Qualitätssprung für die Rechtssprechung gegenüber Tieren: Und weiter: "Auf diese Weise ist gegenwärtig nicht mehr bloß das Feingefühl eines Menschen gegen Ärgernisse, sondern das Tier selbst unter den Schutz des Gesetzes gestellt worden."

Bundespräsident bei der 80-Jahr-Feier

Am 12. Januar 1926 beging der WIENER TIERSCHUTZVEREIN in den Sofiensälen in Anwesenheit des Ehrenprotektors, Bundespräsident Dr. Michael Hainisch, und zu den Klängen der Bundeshymne sein 80-jähriges Jubiläum. Ein Ehrenspalier von 100 jungen Paaren empfing das Staatsoberhaupt auf seinem Weg zur Estrade. Dort unterhielt sich der Bundespräsident über eine Stunde lang angeregt mit dem Vereinspräsidium sowie den Mitgliedern des Ehrenkomitees. Für die Arbeit des WIENER TIERSCHUTZVEREINS fand er nur Lob und Anerkennung.

Massenversammlung vor dem Wiener Rathaus

Nur vier Tage später, am 16. Januar 1926, kam es zu einer Massenversammlung von TierfreundInnen vor dem Rathaus zu Wien. Unter den TeilnehmerInnen herrschte Übereinstimmung, von der Gemeinde Wien folgende zwei Maßnahmen zu verlangen: 1) Kleintier- und Hundehaltung in Gemeindewohnungen, Siedlungen und Schrebergärten soll erlaubt und 2) die Mitnahme von Hunden in den Stadt- und Straßenbahnlinien gestattet werden. Bürgermeister Seitz sagte daraufhin zu, über diese Forderungen "ernste Beratungen" zu führen.

Kulturelle Jubiläums-Aktivitäten

Nach den Entbehrungen des vergangenen Krieges entwickelte sich im Wien der "wilden" 1920er-Jahre ein starkes Lebensgefühl, das sich unter anderem kulturell niederschlug. Das 80-jährige Bestehen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS wurde demgemäß zelebriert. Am 12. April 1926 gab das Carltheater eine Festvorstellung der dreiaktigen Operette "Die verbotene Frau" von Felix Dörmann und Karl Gerold. Der Reinerlös kam zur Gänze der Fertigstellung des Wiener Tierschutzhauses zugute. Stadtrat Anton Weber eröffnete am 15. Mai in den Ausstellungsräumen des Kaufhauses Gerngroß auf der Mariahilfer Straße eine Schau unter dem Titel "Das Tier in der Kunst". Die bis zum 15. Juni laufende Exposition bot dem WIENER TIERSCHUTZVEREIN die Möglichkeit, einem sehr interessierten Publikum die Bedeutung des Mitgeschöpfes Tier für unser tägliches Leben näher zu bringen. Am 3. Juli lud der WIENER TIERSCHUTZVEREIN zum Sommerfest im Grinzinger "Rudolfshof". Als besondere Attraktion wurden sowohl die Musiker als auch das gesamte Publikum in den Parkanlagen des Restaurants "kinematographisch" aufgenommen. Es war die Zeit, als die Bilder laufen gelernt hatten. Der fertiggestellte Film kam kurz danach als Werbemittel für den Tierschutz in die Wiener Kinos(Leider ist dieses historische Dokument nicht erhalten geblieben). Und auch die Tänzerinnen der Ballettrunde Bodenwieser posierten für den guten Zweck.

Tierrettung: Modernisiert und motorisiert

Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN ging mit der Zeit. Bereits im August 1924 war das erste Rettungs-Automobil angeschafft worden. Mit Hilfe der treuen SpenderInnen sollte bald ein zweites motorisiertes Gefährt folgen. - und zwar im Februar 1927. Der neue Wagen entsprach besonders im Hinblick auf die oft notwendige Trennung der kranken von den gesunden Tieren einer modernen Hygiene. Neun separierte Abteile befanden sich im Fonds des Autos - mit Platz für bis zu 15 Kleintiere.

Ein weiteres Novum war die Abhaltung der ersten Lotterie des WIENER TIERSCHUTZVEREINS, die zur Beschaffung zusätzlicher Geldmittel diente, um den Ausbau des Tierschutzhauses weiter voranzutreiben bzw. um am Khleslplatz, im XII. Wiener Gemeindebezirk, ein neues Tierschutzhaus zu beziehen (was aber erst 1935 realisiert werden konnte). Die Ziehung fand am 30. Oktober 1926 statt. Als Hauptpreis winkte ein Prestige trächtiges 6-Zylinder Steyr-Automobil im Wert von ATS 20.000,- Eine enorme Gewinnmöglichkeit bei einem Lospreis von nur einem Schilling. Nachsatz: Die Tierschutzlotterie des WIENER TIERSCHUTZVEREINS überstand all die Jahre bis in die Gegenwart - mit immer noch großer TeilnehmerInnenzahl.

Modeschau mit Pelzimitationen anno 1927

Vom 23. bis zum 29. Oktober lud der WIENER TIERSCHUTZVEREIN während der "Ersten österreichischen Tierschutzwoche" zu einer bunten Palette von Vorträgen, Filmvorführungen und Theaterveranstaltungen ein. Schauplätze waren berühmte Orte wie die Urania, die Sofiensäle, das Theater an der Wien oder der Musikverein. Erneut hatte Bundespräsident Hainisch den Ehrenvorsitz übernommen. Botschafter aus elf Staaten machten dem WIENER TIERSCHUTZVEREIN ihre Aufmachung. Daneben nahmen hochkarätige Künstler aus dem In- und Ausland teil, darunter: Selma Lagerlöf, John Galsworthy, Heinrich Mann, Thomas Mann oder Romain Rolland. Im Großen Musikvereinssaal ging am 24. Oktober 1927 eine Modeschau von Pelzimitationen über die Bühne. Eine unglaubliche Pionierleistung - bedenkt man, welchen hohen Status das Tragen von Pelzen zur damaligen Zeit hatte.

Kampagne für ein Bundestierschutzgesetz

Ab Juli 1928 bündelte der WIENER TIERSCHUTZVEREIN seine politischen Anstrengungen zur Erreichung eines Tierschutzgesetzes. Am 29. Januar 1929 sprach eine Vereinsdelegation diesbezüglich bei Bundeskanzler Dr. Seipel vor und ersuchte, den vom WIENER TIERSCHUTZVEREIN schon seit längerem eingebrachten Gesetzesentwurf für ein österreichweites Tierschutzgesetz einer neuerlichen Beratung zu unterziehen und ihn dem Parlament zur Beschlussfassung vorzulegen. Kanzler Seipel zeigte sich offen und versprach die baldige Behandlung des Themas. Am 6. März 1930 veranstaltete der WIENER TIERSCHUTZVEREIN in der Florianigasse, im Bäckersaal, eine Kundgebung, die unter dem Motto stand: "Heraus mit dem Tierschutzgesetz!" Neben dem sehr engagierten Vereinspräsidenten Dr. Eduard Melkus kamen u.a. auch drei Parlamentsabgeordnete zu Wort. Der Versammlung bordete so über, dass die Türen geöffnet werden mussten, um den Anwesenden im Vorraum das Zuhören ebenso möglich zu machen.

Das Schlusswort sprach Chefredakteur Dr. Schilling-Schletter, der monierte, dass in Italien oder Polen bereits Tierschutzgesetze bestehen, während aber das österreichische Parlament offenbar nicht imstande wäre, rechtliche Grundlagen für den Schutz der Tiere zu schaffen.

23 Punkte für einen internationalen Tierschutz

Vom 12. bis 17. Mai 1929 stand Wien zum dritten Mal - nach 1864 und 1883 - im Mittelpunkt des internationalen Tierschutzes.152 Tierschutzvereine aus 32 Ländern hatten ihre RepräsentantInnen entsandt. Unter dem Vorsitz von WTV-Präsident Dr. Melkus wurde in drei Sonderausschüssen sowie vier Plenarsitzungen ein aus 23 Punkten bestehender Forderungskatalog ausgearbeitet. Dieser erging gleichermaßen an alle Regierungen respektive Parlamente in den Staaten der teilnehmenden Vereine.

1) Schaffung von allgemeinen Tierschutzgesetzen in allen Ländern, insbesondere zur Ahndung von Tierquälerei

2) Aufnahme des Tierschutzes als Lehrgegenstand in den Schulen

3) Errichtung von "Tierschutzämtern" zur Wahrung der Rechte von Tieren

4) Abschaffung der Vivisektion

5) Einführung humanster Schlachtmethoden

6) Verbesserung der Transportvorschriften für Schlachttiere zu Wasser, zu Land und in der Luft

7) Verbot des Exportes von ausgedienten Pferden zu Schlachtzwecken

8) Verbot der Ausübung von Jagd und Fischerei als Sport

9) Verbot von tierquälerischen Dressurritten in Zirkussen und ähnlichen Einrichtungen

10) internationale Aktionen zum Schutze der Vögel

11) Verhinderung der Vernichtung von Seevögeln durch Öl

12) Verbot von Verstümmelungen lebender Tiere (z.B. Kupieren von Ohren und Schwänzen)

13) Verbot aller grausamen Spiele, Tierkämpfe und Sportveranstaltungen (insbesondere Stierkämpfe)

14) Ersetzung der Grubenpferde durch maschinelle Einrichtungen

15) Verbot der Verwendung von Hunden als Zugtiere

16) Reform des Hundefangs durch Wasenmeister

17) Verbot des dauernden Ankettens von Hunden

18) Verbot der Verwendung von Katzen zur Abrichtung von Jagdhunden

19) Verbot des Kastrierens von Tieren durch Nicht-Tierärzte

20) Erlassung gesetzlicher Vorschriften für die artgerechte Haltung von Tieren

21) Internationale Vereinbarungen zum Schutz gefährdeter Tierarten

22) Überprüfung der Gefährlichkeit vorbeugender Impfungen

23) Einführung eines "Tierschutztages" zur Unterstützung der Bestrebungen von Tierschutzvereinen

Neben den Beratungen gab es ein reichhaltiges Gesellschaftsprogramm: Fahrten zum Schloss Schönbrunn, in den Prater oder den Ring entlang, eine Wienerwaldtour - und last but not least eine Versammlung in den Sofiensälen, bei der die Präsidentin des Internationalen Tierschutzbüros in Genf das Wort ergriff. Am 16. Oktober 1930 wird die adlige englische Tierschützerin Wien erneut ihre Aufmerksamkeit machen, in Begleitung von Miss Lind af Hageby. Beide Damen waren Ehrenmitgliederinnen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS. Zudem eilte ihnen der Ruf voraus, als erste die gesellschaftliche Prominenz auf die Grausamkeiten beim Fang von Pelztieren aufmerksam gemacht zu haben. Die zwei TierfreundInnen trugen voller Stolz Mäntel aus Pelzersatzstoffen.

Beim Kongress von 1929 nahm der WIENER TIERSCHUTZVEREIN - wie schon in den Jahrzehnten davor - erneut eine Vorreiterrolle ein. Einige der 23 Punkte wurden in Österreich erst durch das Bundestierschutzgesetz vom 1.1.2005 erfüllt. Einige sind erst zum Teil realisiert, andere warten immer noch einer befriedigenden Lösung. International ist das Thema Stierkampf, Singvogelfang oder Ölverschmutzung immer noch brandaktuell. Einzig Forderung Nummer 23 konnte relativ rasch umgesetzt werden.

Der "Welttierschutztag" entsteht

1931 schlug in Florenz die Geburtsstunde des "Welttierschutztages". Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN war in der toskanischen Metropole durch Präsident Melkus vertreten, der als erster Kongressredner zu Wort kam und in seinem Vortrag über die "Gesetzgebung und Organisation zum Schutze der Tiere in Österreich" u.a. seinem Bedauern Ausdruck gab, dass in Österreich kein Verbot des betäubungslosen Schächtens besteht. In der am nächsten Tag stattfindenden Debatte bezog sich der WTV-Präsident auf Gutachten deutscher Schlachthofdirektoren, wonach das Schächten als barbarische Grausamkeit bezeichnet wird, und stellt fest, dass nach den Vorschriften der jüdischen Religion nur das Ausbluten der Tierkörper vorgeschrieben sei, nicht aber das Ausbluten bei vollem Bewusstsein der Tiere.

Von großer Bedeutung für die Tierschutzvereine aus aller Welt war der Beschluss des Florentiner Kongresses, den 4. Oktober, den Sterbetag des Hl. Franz von Assisi (1181/82-1226), zum Welttierschutztag zu proklamieren. Daran gekoppelt: die bindende Verpflichtung, diesen Tag in einer würdigen Weise zu feiern, hierbei die Öffentlichkeit auf Tierschutztätigkeiten hinzuweisen sowie um neue Vereinsmitglieder zu werben.

Am 4. Oktober 1931 kam es in Wien zur Feier des ersten "Welttierschutztages". Der Vizepräsident des WIENER TIERSCHUTZVEREINS, Dr. Eduard Langer, hielt einen Radiovortrag. Sogar in den Wiener Kirchen kam es zu einer Abstimmung der Predigten in Richtung Tierschutz. Im Saal des Ingenieur- und Architektenvereins in der Eschenbachgasse machte der Prager Tierschützer Dr. Oskar Schwarz einen abendlichen Lichtbildvortrag, dessen Abschluss eine Modeschau der Firma Gerngroß bildet: natürlich mit Pelzimitaten!

Fortsetzung folgt


Einführungsseminar für Betreuungspaten
8. Mai 2008, 18:30 Uhr
Ordentliche Generalversammlung 2008
9. Mai 2008, 18:00 Uhr
Grillfest
7. Juni 2008, 13:00 Uhr
Motorradbenefizausfahrt 2008
22. Juni 2008, 9:30 Uhr