Teil 4: Modernisiert,
motorisiert und modisch ohne Pelz : Der WTV
in den wilden 1920er-Jahren
Nach dem Ende des I. Weltkriegs - inmitten
einer schwierigen und politisch instabilen
Zeit - setzte der WIENER TIERSCHUTZVEREIN erneut
ein beherztes Lebenszeichen. Gegen die Anordnung
der Stadtvorstehung Klosterneuburg, alle Hunde
in Klosterneuburg drei Monate lang an die Kette
zu legen, wurde bei der Niederösterreichischen
Landesregierung scharfer Protest eingelegt.
Mit Erfolg! Die tierfeindliche Maßnahme
musste aufgehoben werden.
I. Republik: Neues Gesetz gegen Tierquälerei
Das Kaiserhaus hatte abgedankt. Österreich
war von der Monarchie zur Republik geworden.
Dementsprechend mussten auch Tierschutzgesetze
neu ausgehandelt werden. Am 21. Juli 1925 kam
es zum Erlass des Bundesgesetzes Nr. 273/1925.
Artikel VIII dieses Gesetzes enthielt die Begriffsbestimmung
des strafbaren Delikts der Tierquälerei,
wodurch das Tier praktisch zum Rechtssubjekt
aufstieg.
Hiezu erläuterte das Bundeskanzleramt
mit Schreiben vom 1. Juli 1926, Zl. 135, 130-2,
auf Ersuchen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS: "Bezüglich
der Tierquälerei kommen gegenwärtig
fünf verschiedene Tatbestände in
Betracht: 1) das Quälen aus Bosheit, 2)
die rohe Mißhandlung, 3) die rücksichtslose Überanstrengung,
4) die öffentliche Mißhandlung auf
eine Ärgernis erregende Weise, 5) die
Nichtbefolgung spezieller zum Schutz von Tieren
erlassener Verbote." Während die Tatbestände
4) und 5) noch auf dem Reichsgesetzblatt Nr.
31 vom 15. Februar 1855 beruhten, basierten
1) und 3) bereits auf dem neuen Gesetz. Ein
Qualitätssprung für die Rechtssprechung
gegenüber Tieren: Und weiter: "Auf diese
Weise ist gegenwärtig nicht mehr bloß das
Feingefühl eines Menschen gegen Ärgernisse,
sondern das Tier selbst unter den Schutz des
Gesetzes gestellt worden."
Bundespräsident bei der 80-Jahr-Feier
Am 12. Januar 1926 beging der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
in den Sofiensälen in Anwesenheit des
Ehrenprotektors, Bundespräsident Dr. Michael
Hainisch, und zu den Klängen der Bundeshymne
sein 80-jähriges Jubiläum. Ein Ehrenspalier
von 100 jungen Paaren empfing das Staatsoberhaupt
auf seinem Weg zur Estrade. Dort unterhielt
sich der Bundespräsident über eine
Stunde lang angeregt mit dem Vereinspräsidium
sowie den Mitgliedern des Ehrenkomitees. Für
die Arbeit des WIENER TIERSCHUTZVEREINS fand
er nur Lob und Anerkennung.
Massenversammlung vor dem Wiener Rathaus
Nur vier Tage später, am 16. Januar 1926,
kam es zu einer Massenversammlung von TierfreundInnen
vor dem Rathaus zu Wien. Unter den TeilnehmerInnen
herrschte Übereinstimmung, von der Gemeinde
Wien folgende zwei Maßnahmen zu verlangen:
1) Kleintier- und Hundehaltung in Gemeindewohnungen,
Siedlungen und Schrebergärten soll erlaubt
und 2) die Mitnahme von Hunden in den Stadt-
und Straßenbahnlinien gestattet werden.
Bürgermeister Seitz sagte daraufhin zu, über
diese Forderungen "ernste Beratungen" zu führen.
Kulturelle Jubiläums-Aktivitäten
Nach den Entbehrungen des vergangenen Krieges
entwickelte sich im Wien der "wilden" 1920er-Jahre
ein starkes Lebensgefühl, das sich unter
anderem kulturell niederschlug. Das 80-jährige
Bestehen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS wurde
demgemäß zelebriert. Am 12. April
1926 gab das Carltheater eine Festvorstellung
der dreiaktigen Operette "Die verbotene Frau" von
Felix Dörmann und Karl Gerold. Der Reinerlös
kam zur Gänze der Fertigstellung des Wiener
Tierschutzhauses zugute. Stadtrat Anton Weber
eröffnete am 15. Mai in den Ausstellungsräumen
des Kaufhauses Gerngroß auf der Mariahilfer
Straße eine Schau unter dem Titel "Das
Tier in der Kunst". Die bis zum 15. Juni laufende
Exposition bot dem WIENER TIERSCHUTZVEREIN
die Möglichkeit, einem sehr interessierten
Publikum die Bedeutung des Mitgeschöpfes
Tier für unser tägliches Leben näher
zu bringen. Am 3. Juli lud der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
zum Sommerfest im Grinzinger "Rudolfshof".
Als besondere Attraktion wurden sowohl die
Musiker als auch das gesamte Publikum in den
Parkanlagen des Restaurants "kinematographisch" aufgenommen.
Es war die Zeit, als die Bilder laufen gelernt
hatten. Der fertiggestellte Film kam kurz danach
als Werbemittel für den Tierschutz in
die Wiener Kinos(Leider ist dieses historische
Dokument nicht erhalten geblieben). Und auch
die Tänzerinnen der Ballettrunde Bodenwieser
posierten für den guten Zweck.
Tierrettung: Modernisiert und motorisiert
Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN ging mit der Zeit.
Bereits im August 1924 war das erste Rettungs-Automobil
angeschafft worden. Mit Hilfe der treuen SpenderInnen
sollte bald ein zweites motorisiertes Gefährt
folgen. - und zwar im Februar 1927. Der neue
Wagen entsprach besonders im Hinblick auf die
oft notwendige Trennung der kranken von den
gesunden Tieren einer modernen Hygiene. Neun
separierte Abteile befanden sich im Fonds des
Autos - mit Platz für bis zu 15 Kleintiere.
Ein weiteres Novum war die Abhaltung der ersten
Lotterie des WIENER TIERSCHUTZVEREINS, die
zur Beschaffung zusätzlicher Geldmittel
diente, um den Ausbau des Tierschutzhauses
weiter voranzutreiben bzw. um am Khleslplatz,
im XII. Wiener Gemeindebezirk, ein neues Tierschutzhaus
zu beziehen (was aber erst 1935 realisiert
werden konnte). Die Ziehung fand am 30. Oktober
1926 statt. Als Hauptpreis winkte ein Prestige
trächtiges 6-Zylinder Steyr-Automobil
im Wert von ATS 20.000,- Eine enorme Gewinnmöglichkeit
bei einem Lospreis von nur einem Schilling.
Nachsatz: Die Tierschutzlotterie des WIENER
TIERSCHUTZVEREINS überstand all die Jahre
bis in die Gegenwart - mit immer noch großer
TeilnehmerInnenzahl.
Modeschau mit Pelzimitationen anno
1927
Vom 23. bis zum 29. Oktober lud der WIENER
TIERSCHUTZVEREIN während der "Ersten österreichischen
Tierschutzwoche" zu einer bunten Palette von
Vorträgen, Filmvorführungen und Theaterveranstaltungen
ein. Schauplätze waren berühmte Orte
wie die Urania, die Sofiensäle, das Theater
an der Wien oder der Musikverein. Erneut hatte
Bundespräsident Hainisch den Ehrenvorsitz übernommen.
Botschafter aus elf Staaten machten dem WIENER
TIERSCHUTZVEREIN ihre Aufmachung. Daneben nahmen
hochkarätige Künstler aus dem In-
und Ausland teil, darunter: Selma Lagerlöf,
John Galsworthy, Heinrich Mann, Thomas Mann
oder Romain Rolland. Im Großen Musikvereinssaal
ging am 24. Oktober 1927 eine Modeschau von
Pelzimitationen über die Bühne. Eine
unglaubliche Pionierleistung - bedenkt man,
welchen hohen Status das Tragen von Pelzen
zur damaligen Zeit hatte.
Kampagne für ein Bundestierschutzgesetz
Ab Juli 1928 bündelte der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
seine politischen Anstrengungen zur Erreichung
eines Tierschutzgesetzes. Am 29. Januar 1929
sprach eine Vereinsdelegation diesbezüglich
bei Bundeskanzler Dr. Seipel vor und ersuchte,
den vom WIENER TIERSCHUTZVEREIN schon seit
längerem eingebrachten Gesetzesentwurf
für ein österreichweites Tierschutzgesetz
einer neuerlichen Beratung zu unterziehen und
ihn dem Parlament zur Beschlussfassung vorzulegen.
Kanzler Seipel zeigte sich offen und versprach
die baldige Behandlung des Themas. Am 6. März
1930 veranstaltete der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
in der Florianigasse, im Bäckersaal, eine
Kundgebung, die unter dem Motto stand: "Heraus
mit dem Tierschutzgesetz!" Neben dem sehr engagierten
Vereinspräsidenten Dr. Eduard Melkus kamen
u.a. auch drei Parlamentsabgeordnete zu Wort.
Der Versammlung bordete so über, dass
die Türen geöffnet werden mussten,
um den Anwesenden im Vorraum das Zuhören
ebenso möglich zu machen.
Das Schlusswort sprach Chefredakteur Dr. Schilling-Schletter,
der monierte, dass in Italien oder Polen bereits
Tierschutzgesetze bestehen, während aber
das österreichische Parlament offenbar
nicht imstande wäre, rechtliche Grundlagen
für den Schutz der Tiere zu schaffen.
23 Punkte für einen internationalen
Tierschutz
Vom 12. bis 17. Mai 1929 stand Wien zum dritten
Mal - nach 1864 und 1883 - im Mittelpunkt des
internationalen Tierschutzes.152 Tierschutzvereine
aus 32 Ländern hatten ihre RepräsentantInnen
entsandt. Unter dem Vorsitz von WTV-Präsident
Dr. Melkus wurde in drei Sonderausschüssen
sowie vier Plenarsitzungen ein aus 23 Punkten
bestehender Forderungskatalog ausgearbeitet.
Dieser erging gleichermaßen an alle Regierungen
respektive Parlamente in den Staaten der teilnehmenden
Vereine.
1) Schaffung von allgemeinen Tierschutzgesetzen
in allen Ländern, insbesondere zur Ahndung
von Tierquälerei
2) Aufnahme des Tierschutzes als Lehrgegenstand
in den Schulen
3) Errichtung von "Tierschutzämtern" zur
Wahrung der Rechte von Tieren
4) Abschaffung der Vivisektion
5) Einführung humanster Schlachtmethoden
6) Verbesserung der Transportvorschriften
für Schlachttiere zu Wasser, zu Land und
in der Luft
7) Verbot des Exportes von ausgedienten Pferden
zu Schlachtzwecken
8) Verbot der Ausübung von Jagd und Fischerei
als Sport
9) Verbot von tierquälerischen Dressurritten
in Zirkussen und ähnlichen Einrichtungen
10) internationale Aktionen zum Schutze der
Vögel
11) Verhinderung der Vernichtung von Seevögeln
durch Öl
12) Verbot von Verstümmelungen lebender
Tiere (z.B. Kupieren von Ohren und Schwänzen)
13) Verbot aller grausamen Spiele, Tierkämpfe
und Sportveranstaltungen (insbesondere Stierkämpfe)
14) Ersetzung der Grubenpferde durch maschinelle
Einrichtungen
15) Verbot der Verwendung von Hunden als Zugtiere
16) Reform des Hundefangs durch Wasenmeister
17) Verbot des dauernden Ankettens von Hunden
18) Verbot der Verwendung von Katzen zur Abrichtung
von Jagdhunden
19) Verbot des Kastrierens von Tieren durch
Nicht-Tierärzte
20) Erlassung gesetzlicher Vorschriften für
die artgerechte Haltung von Tieren
21) Internationale Vereinbarungen zum Schutz
gefährdeter Tierarten
22) Überprüfung der Gefährlichkeit
vorbeugender Impfungen
23) Einführung eines "Tierschutztages" zur
Unterstützung der Bestrebungen von Tierschutzvereinen
Neben den Beratungen gab es ein reichhaltiges
Gesellschaftsprogramm: Fahrten zum Schloss
Schönbrunn, in den Prater oder den Ring
entlang, eine Wienerwaldtour - und last but
not least eine Versammlung in den Sofiensälen,
bei der die Präsidentin des Internationalen
Tierschutzbüros in Genf das Wort ergriff.
Am 16. Oktober 1930 wird die adlige englische
Tierschützerin Wien erneut ihre Aufmerksamkeit
machen, in Begleitung von Miss Lind af Hageby.
Beide Damen waren Ehrenmitgliederinnen des
WIENER TIERSCHUTZVEREINS. Zudem eilte ihnen
der Ruf voraus, als erste die gesellschaftliche
Prominenz auf die Grausamkeiten beim Fang von
Pelztieren aufmerksam gemacht zu haben. Die
zwei TierfreundInnen trugen voller Stolz Mäntel
aus Pelzersatzstoffen.
Beim Kongress von 1929 nahm der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
- wie schon in den Jahrzehnten davor - erneut
eine Vorreiterrolle ein. Einige der 23 Punkte
wurden in Österreich erst durch das Bundestierschutzgesetz
vom 1.1.2005 erfüllt. Einige sind erst
zum Teil realisiert, andere warten immer noch
einer befriedigenden Lösung. International
ist das Thema Stierkampf, Singvogelfang oder Ölverschmutzung
immer noch brandaktuell. Einzig Forderung Nummer
23 konnte relativ rasch umgesetzt werden.
Der "Welttierschutztag" entsteht
1931 schlug in Florenz die Geburtsstunde des "Welttierschutztages".
Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN war in der toskanischen
Metropole durch Präsident Melkus vertreten,
der als erster Kongressredner zu Wort kam und
in seinem Vortrag über die "Gesetzgebung
und Organisation zum Schutze der Tiere in Österreich" u.a.
seinem Bedauern Ausdruck gab, dass in Österreich
kein Verbot des betäubungslosen Schächtens
besteht. In der am nächsten Tag stattfindenden
Debatte bezog sich der WTV-Präsident auf
Gutachten deutscher Schlachthofdirektoren,
wonach das Schächten als barbarische Grausamkeit
bezeichnet wird, und stellt fest, dass nach
den Vorschriften der jüdischen Religion
nur das Ausbluten der Tierkörper vorgeschrieben
sei, nicht aber das Ausbluten bei vollem Bewusstsein
der Tiere.
Von großer Bedeutung für die Tierschutzvereine
aus aller Welt war der Beschluss des Florentiner
Kongresses, den 4. Oktober, den Sterbetag des
Hl. Franz von Assisi (1181/82-1226), zum Welttierschutztag
zu proklamieren. Daran gekoppelt: die bindende
Verpflichtung, diesen Tag in einer würdigen
Weise zu feiern, hierbei die Öffentlichkeit
auf Tierschutztätigkeiten hinzuweisen
sowie um neue Vereinsmitglieder zu werben.
Am 4. Oktober 1931 kam es in Wien zur Feier
des ersten "Welttierschutztages". Der Vizepräsident
des WIENER TIERSCHUTZVEREINS, Dr. Eduard Langer,
hielt einen Radiovortrag. Sogar in den Wiener
Kirchen kam es zu einer Abstimmung der Predigten
in Richtung Tierschutz. Im Saal des Ingenieur-
und Architektenvereins in der Eschenbachgasse
machte der Prager Tierschützer Dr. Oskar
Schwarz einen abendlichen Lichtbildvortrag,
dessen Abschluss eine Modeschau der Firma Gerngroß bildet:
natürlich mit Pelzimitaten!
Fortsetzung folgt