Teil1 : Ignaz
Castelli: Dichter und Tierfreund
"Der stolze Mensch sieht sich als
den König aller Wesen an, handelt aber
nicht groß- und edemütig, wie
ein König sein soll, sondern wird zum
Tyrannen."
Am 6. März 1781 wird Ignaz Franz
Castelli, von dem obige Zeilen stammen,
als Sohn eines Finanzbeamten in Wien geboren.
Wer jetzt annimmt, der Herr Papa hinterlässt
ihm ein saftiges Vermögen, irrt.
Eine leere Brieftasche mit folgenden
Worten ist alles: "Suche sie durch deinen
Fleiß auf redliche Art voll zu machen,
Ich werde für dich bei Gott bitten,
dass er dich segne." In diesem Sinne
studiert Castelli Rechtswissenschaften und übt
als Brotberuf "Landschafts-Sekretär" bzw. "Häuser-Revisor" in
Niederösterreich aus, sagt aber dem
Paragraphendickicht immer mehr ade,
um sich der Schreiberei zu verschreiben.
1801 wird Castellis erstes Drama, "Die
Mühle am Arpennerfelsen", am Schikaneder
Theater auf der Wieden aufgeführt; immerhin
mit einem Honorar von 30 Gulden. Im Zuge der
Befreiungskriege gegen Napoleon verfasst er
patriotische Schriften. 1816 folgt "Der
Hund des Aubri", 1822 veröffentlicht
er "100 vierversige Fabeln" - das Interesse
für Tiere ist erstmals ersichtlich.
1823 wird sein Lustspiel "Der Ehemann als
Liebhaber oder der Liebhaber als Ehemann" inszeniert.
1828 kommen "Gedichte in niederösterreichischer
Mundart" sowie die derb humoristischen "Wiener
Lebensbilder" heraus 1861 erscheinen die
vierbändigen "Memoiren meines Lebens".
Insgesamt umfasst sein Oeuvre 199 Werke,
von der Oper bis zum Lustspiel, über 100
davon wurden aufgeführt. 26 Jahrgänge "Huldigung
der Frauen" werden von Castellis Hand
redigiert. 16 Gedichtbände und sechs Bände
gemischten Inhalts runden sein literarisches
Schaffen ab.
Doch der BiedermeierDichter ist alles
andere als ein Biedermann. In mancherlei
Hinsicht eilt er seiner Zeit weit voraus. Ignaz
Castelli zeigt tiefe Bestürzung und
Abneigung gegenüber Tierschinderei
oder Tierkämpfen. Sein Ziel ist es, den
Menschen durch Mitgefühl für anderes
Leben zu "veredeln", die niederen Instinkte
unserer Spezies zu zähmen. Wenig wunder,
dass er sich mit der Absicht trägt, einen
Tierschutzverein aus der Taufe zu heben.
10. März
1846: Geburtstag für
den Tierschutz
Am 8. Januar 1846 erlässt die kaiserliche
Hofkanzlei das Dekret Nr. 42.996, das
u.a. folgende Bestimmungen enthält:
1) Jede in der Öffentlichkeit begangene, Ärgernis
erregende Tierquälerei ist als Polizeivergehen
anzusehen und entsprechend zu bestrafen.
2) Die Regierung wird jede freiwillige und
aus innerster Oberzeugung hervorgehende
Anregung zur Gründung von Vereinen gegen
Tierquälerei mit Wohlgefallen anerkennen.
3) Die Entstehung solcher Vereine dient
dem Fortschritt zur Veredelung des sittlichen
Gefühls, der Aufklärung und der Förderung
der Humanität.
Ignaz Castelli lässt sich nicht lange
bitten und lanciert noch im selben Monat
in den Zeitungen folgenden Aufruf:
"Schon seit vielen Jahren nähre ich den
Wunsch, nach dem Beispiel anderer großer
Städte auch in Wien einen Verein gegen
Tierquälerei zu gründen. Nun vernehme
ich, daß man von anderen Seiten sich
damit beschäftigt, hiezu bereits
Materialien gesammelt und die ersten Schritte
getan habe. Da auch ich über diesen Gegenstand
reiflich nachgedacht und mir hiezu die
Statuten mehrerer ähnlicher Vereine
beschafft habe, so ersuche ich diejenigen,
denen die oft grausame Behandlung der
Tiere ebenso nahe geht wie mir, sich wegen
Gründung eines so wohltätigen Vereines
mit mir in das Einvernehmen zu setzen. Vereinte
Kräfte werden sicherlich nicht wirkungslos
sein."
Castellis Appell an das öffentliche Gewissen
findet Anklang. Nach nur zwei Monaten melden
sich fast 2.500 Personen. Aus ihnen heraus
formiert sich ein harter Kern, ein Gründungskomitee
von "12 ehrenwerten Männern",
das am 10. März 1846 im Landwirtschafts-Sitzungssaal
des Niederösterreichischen Landhauses
die Gründung des "Niederösterreichischen
Vereins gegen Misshandlung der Tiere in Wien" beschließt.
Schon bald wird diese Organisation - weniger
sperrig formuliert - als WIENER TIERSCHUTZVEREIN
Bekanntheit erlangen.
Als Hauptziel des neuen Vereins hält
der Dichter schnörkellos und prosaisch
fest: Belehrende Information der Öffentlichkeit,
besonders der Jugend, Aufzeigung und Verfolgung
von Tierquälereien aller Art sowie Gewährung
von Prämien zur Verminderung von Tierquälereien.
Ignaz Franz Castellis Schlussansprache während
der Gründungsversammlung trifft nicht
nur die Herzen, sondern bezieht - strategisch
klug - auch den Gesetzgeber von vornherein
mit ein:
"Ich bin entschlossen, den Abend meines Lebens
der Humanität zu widmen und hoffe, dieses
mein Abendgeschäft werde - mit ihrem Beistand,
meine Herren - einen Morgen der besseren Gesittung
und des Mitleids gegen die unschuldigen
Opfer menschlicher Rohheit herbeiführen.
Lassen Sie uns fest zusammenhalten, um
die Folter, die milde Regenten schon lange
bei den Menschen abgeschafft haben, auch
bei den Tieren abzuschaffen. Unsere Sache
ist gut, unser Wille ist gut, Gott und unsere
humane Regierung werden uns schützen!"
Mai 1847: Erste "TiertransportKampagne"
Was Ignaz Franz Castelli
besonders empört
ist der Transport von Kälbern und anderem
so genannten "Stechvieh" auf Wagen in
gefesseltem Zustand. Im Zuge der Aktion "Kälbertransporte
lässt der "Niederösterreichische
Verein gegen Mißhandlung der Tiere in
Wien" einen Wagen anfertigen, mit
dem die Kälber ungefesselt und der Breite
nach stehend befördert werden können.
Damit Fuhrleute und Tierhändler diesen
humaneren Transporter vorziehen sollen,
setzt Vereinspräsident Castelli vier Prämien
zu je 50 Gulden aus. Leider findet der
Plan trotz finanzieller Anreize keine
Interessenten, auch dann nicht, als er
1865 wiederholt angeboten wird. Bis heute
ist das Thema Tiertransporte brandaktuell und
eines der ureigensten Anliegen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS.
"Der Thierfreund" und
Filialvereine
Der Vorläufer unseres heutigen Vereinsmagazins "Tierfreund" erscheint
erstmals am 15. März 1852. Castelli: "Der
Thierfreund" soll dazu dienen, durch Lehre
und Beispiel die Pflichten für
die Tiere kennen zu lernen; Liebe für
sie zu wecken und Misshandlungen zu verhüten
sowie den Vereinsmitgliedern alles bekannt
zu geben, was sowohl hierzulande als auch in
anderen Ländern zum Schutze der Tiere
geschieht."
Im "Thierfreund" vom 15. Oktober 1854
wird stolz verlautbart, dass es dem WIENER
TIERSCHUTZVEREIN, wie sich Castellis Organisation
offiziell ab 1852 immer öfter nennt, fortan
gestattet ist, in den deutschen Bezirken der österreichischen
Monarchie Filialvereine gründen zu dürfen.
Im Januar 1856 verfügt der WIENER TIERSCHUTZVEREIN über
elf dieser Dependancen (mit mindestens 50 Mitgliedern)
in Niederösterreich, der Steiermark, Böhmen,
Mähren und Ungarn und bezeichnet sich
daher als "Wiener Tierschutz-Central-Verein".
Networking und
Lobbying in höchsten
Kreisen
Um gegen Tierquälerei effektiv vorgehen
zu können, bedarf der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
damals wie heute der Unterstützung
seitens der Behörden. Castelli wendet
sich direkt an Kaiser Ferdinand 1., um zu bewirken,
dass das Dekret der Hofkanzlei vom 8. Januar
1846 eine "öffentliche legislative
Neuverkündung" erfährt.
Am 8. November 1847 wird dies seinem Tierschutzverein
von der k.u.k. Polizei-Oberdirektion schriftlich
zugesichert. Alle Polizeibehörden des
Kaiserreichs seien beauftragt, aufgrund
des erwähnten Hofdekrets öffentlich
begangene Tierquälerei als Polizeivergehen
entsprechend zu ahnden. Mit dem Reichsgesetzblatt
Nr. 31 vom 15. Februar 1855 erwirkt der
WIENER TIERSCHUTZVEREIN sogar noch eine
Präzisierung und damit Verschärfung
der Verordnung gegen Tiermisshandlung.
Erster symbolischer Vereinsprotektor ist
Graf Albert Montecuccoli-Laderchi, seines
Zeichens Landmarschall von Niederösterreich.
Nach dessen Tod übernimmt der kaiserlich-königliche
Feldmarschall-Leutnant und GendarmerieGeneralinspektor
Johann Freiherr Kempen von Fichtenstamm die
Ehrenpatronanz über den Wiener Tierschutz-Central-Verein.
Dank dieser blendenden Verbindungen - Networking
und Lobbying würde man auf "Neudeutsch" heute
dazu sagen - schafft es Castelli zu verhindern,
dass ein Pferd aus 1.000 Meter Höhe per
Fallschirm abgeworfen wird. Zum Gaudium des
zahlungskräftigen Wiener Publikums
hatte dies der Luftschiffer N. Corwell geplant.
Vom 31. Juli bis zum 2. August 1860 findet
in Dresden der "1. Internationale Kongreß der
Tierschutzvereine" statt, an dem insgesamt
21 'Tierschutzvereine europäischer
Städte teilnehmen. Natürlich
ist der WIENER TIERSCHUTZVEREIN inklusive
seiner Filialorganisationen mit dabei.
Als wichtiger Punkt wird beschlossen, dass
die einzelnen Organisationen bei ihren
jeweiligen Regierungen "allgemeine Tierschutzgesetze" erwirken
sollen, durch die ein gleichmäßigerer
und effektiverer Schutz der Tiere vollzogen
werden kann.
In Entsprechung dieses Beschlusses verfasst
Ignaz Castelli seitens des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
einen Entwurf für ein "umfassendes
Gesetz gegen Tierquälerei" und legt
diesen am 22. November 1861 dem Niederösterreichischen
Landtag in Petitionsform vor. Castelli
hatte den Iegistischen Grundstein gesetzt.
Dennoch sollte es bis zum 1. Januar 2005
dauern, ehe Österreich endlich über
ein Bundestierschutzgesetz verfügt.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Teil
2: Castellis Tod - Ende einer Ära